Einleitung
Stell dir eine Zeit vor, in der es weder Festland noch Sonnenlicht gab. Viele Kulturen auf der Welt haben Geschichten geschaffen, um die Entstehung der Welt zu erklären – und das Volk der Irokesen, ein indigenes nordamerikanisches Volk, ist da keine Ausnahme. Ihr Schöpfungsmythos ist voller kraftvoller Bilder und tiefer Weisheiten.
In diesem Beitrag lade ich dich ein, in diese alte Legende einzutauchen, neu erzählt in einem zugänglichen, nachdenklichen Stil. Wir entdecken die Geschichte einer Himmelsfrau namens Aataentsic, die vom Himmel fällt, wie eine Große Schildkröte zur Grundlage der Erde wird, und wie zwei gegensätzliche Zwillingsbrüder durch ihren Konflikt unsere Welt formen. Am Ende werfen wir einen Blick auf die Botschaft des Mythos – und was er uns heute noch sagen kann.
Die himmlische Welt und der Fall von Aataentsic
Vor langer Zeit – noch bevor es Kontinente oder Sonnenlicht gab – war unsere Welt von Wasser bedeckt und in Dunkelheit gehüllt. Keine Sonne, kein Mond, keine Sterne erhellten die Tiefe. In dieser ewigen Nacht lebten nur Wasserwesen: Biber, Enten, Schwäne, Moschusratten und andere, die an der Oberfläche des Urmeers schwammen.
Weit über diesen Wassern existierte ein anderes Reich – die Himmlische Welt, bewohnt von glücklichen Geistern. Dort herrschte Licht und Harmonie. In der Mitte dieses Himmelsreiches wuchs ein majestätischer, heiliger Baum mit leuchtenden Früchten. Eines Tages öffnete sich ein großes Loch unter seinen Wurzeln – ein Tor, das den Himmel mit der Leere darunter verband. Der Große Geist, der über dieses Reich herrschte, rief seine Tochter Aataentsic herbei. Neugierig beugte sie sich über die Kante und sah zum ersten Mal die dunkle Welt unter sich.
In jenem Moment – durch Schicksal oder göttlichen Willen – fiel Aataentsic. Die junge Frau, die später als Himmelsfrau bekannt wurde, schwebte hinab in die düstere Tiefe.
Die Erde auf dem Rücken der Großen Schildkröte
Als Aataentsic vom Himmel herabfiel, bemerkten die Wasserwesen ein Licht, das sich aus der Höhe näherte. Zuerst erschraken sie – so etwas hatten sie noch nie gesehen. Viele tauchten ängstlich unter. Doch ihre Neugier und ihr Mitgefühl siegten über die Furcht: Eins nach dem anderen kehrten die Tiere zurück an die Oberfläche und erkannten, dass diese Frau einen Ort zum Landen brauchte.
„Wir müssen ihr festen Boden schaffen“, sagte der Biber.
Also tauchte der Biber tief hinab, um Erde vom Grund des Ozeans zu holen. Doch er kehrte leblos zurück. Der Tauchvogel versuchte es – mit demselben Ergebnis. Viele andere Tiere folgten, ohne Erfolg. Schließlich bot sich die kleine Moschusratte an. Mit Entschlossenheit tauchte sie unter und verschwand im dunklen Wasser. Lange Zeit blieb es still – bis ihr Körper leblos wieder an die Oberfläche trieb. In ihren kleinen Pfoten hielt sie etwas fest: einen Klumpen Erde!
Die Tiere ehrten ihren Mut und riefen die Große Schildkröte herbei, das älteste und weiseste Wesen unter ihnen. Auf ihrem Rücken verteilten sie vorsichtig die Erde – und die Schildkröte begann zu wachsen… und zu wachsen. Je größer sie wurde, desto mehr Land breitete sich auf ihrem Panzer aus. So entstand eine Insel mitten im Urmeer: das erste Land. (Manche sagen, dass Erdbeben entstehen, wenn die Große Schildkröte sich unter uns weiterbewegt.)
Genau zu diesem Zeitpunkt erreichte Aataentsic das Ende ihres Falls. Eine Gruppe weißer Schwäne flog ihr entgegen, breitete ihre Flügel aus und trug sie sanft hinab. Mit größter Sorgfalt legten sie die Himmelsfrau auf die neue Erde, die gerade auf dem Schildkrötenrücken entstand. Aataentsic war gerettet – und mit ihr begann das Licht auf dieser Welt zu leuchten.
Die Geburt der Zwillinge: Licht und Dunkelheit
Mit der Zeit bemerkte Aataentsic, dass sie Zwillinge erwartete. Einer der Brüder war ruhig und geduldig – er kam ohne Schwierigkeiten zur Welt und wurde als der Gute Geist begrüßt. Der andere jedoch war ungestüm, widerspenstig und bahnte sich einen anderen Weg. Sein gewaltsames Kommen führte zum Tod seiner Mutter. Er wurde bekannt als der Böse Geist.
Der Tod der Himmelsfrau war ein tiefer Verlust – doch ihre Söhne begannen sofort, die Welt zu formen. Der Gute Geist nahm den Kopf seiner Mutter und verwandelte ihn in die Sonne. Andere Teile ihres Körpers wurden zu Mond und Sternen. Wo sie begraben wurde, wuchsen die Pflanzen aus der Erde – deshalb nennen wir sie heute Mutter Erde.
Der Böse Geist hingegen brachte Dunkelheit: Er schuf die Nacht, indem er das Licht zurückzog, und erschuf Schatten dort, wo sein Bruder Klarheit brachte. Immer wenn der Gute Geist etwas Schönes erschuf, versuchte sein Bruder, es zu zerstören oder zu verfälschen.
So erschuf der Gute Geist große, friedliche Tiere wie den Bären und den Hirsch – der Böse Geist konterte mit giftigen Schlangen und gefährlichen Kreaturen. Der eine ließ Bäche und Flüsse sprudeln – der andere machte sie schlammig und trüb. Aus dieser ständigen Spannung von Schöpfung und Zerstörung entstand unsere Welt in all ihrer Vielfalt und Gegensätzlichkeit.
Der Kampf der Gegensätze
Die Zwillinge konnten nicht ewig gegeneinander arbeiten. Der Gute Geist, der nach Harmonie strebte, forderte seinen Bruder zu einem letzten Duell heraus – einem Kampf, der entscheiden sollte, wer über die Welt herrschen würde.
Als Waffen wählten sie Dornen vom alten Heiligen Baum, der Himmel und Erde einst verbunden hatte. Ihr Kampf war gewaltig. Die Erde bebte, das Wasser kochte. Am Ende siegte der Gute Geist. Er verbannte seinen Bruder in eine tiefe Höhle unter der Erde. Doch auch dort konnte der Böse Geist Einfluss nehmen – seine Schatten flüstern noch heute aus dem Dunkel, um die Menschen in Versuchung zu führen.
So erklärt der Mythos, warum Gutes und Böses, Licht und Dunkel, nie vollständig voneinander zu trennen sind. Sie sind beide Teil der Welt – und Teil jedes Menschen.
Was uns der Mythos heute noch sagen kann
Dieser alte Mythos ist nicht nur eine Geschichte – er ist voller Sinnbilder, die auch heute noch Bedeutung haben:
- Verbindung der Welten: Der Fall von Aataentsic zeigt, dass das Geistige und das Materielle untrennbar miteinander verbunden sind. Unsere Welt ist mehr als nur Materie – sie ist auch ein Spiegel des Heiligen.
- Zusammenarbeit der Lebewesen: Nur durch die gemeinsame Anstrengung aller Tiere konnte die Erde entstehen. Auch heute erinnert uns das daran, wie wichtig Kooperation, Vielfalt und gegenseitige Hilfe sind.
- Gegensätze gehören zusammen: Die Zwillinge verkörpern die Dualität des Lebens. Licht und Schatten, Gut und Böse – sie sind keine Feinde, sondern zwei Seiten einer Ganzheit. Ohne Dunkelheit gibt es kein Licht.
- Die Erde ist lebendig: Die Schildkröteninsel ist nicht nur Land, sondern ein lebendiges Wesen. Die Irokesen sahen die Erde als Mutter – und uns als ihre Kinder und Hüter. Dieses Bild lädt uns ein, die Natur mit Respekt zu behandeln.
Schlussgedanken: Ein alter Mythos für unsere Zeit
Wenn wir diese Geschichte heute lesen, wirkt sie wie ein Gedicht, das uns zur Ruhe bringt und zum Nachdenken einlädt. In einer Welt voller Widersprüche, Krisen und Unsicherheit erinnert uns die Legende von der Schildkröteninsel daran, dass es immer Licht gibt – dass Zusammenarbeit und Achtsamkeit den Boden unter unseren Füßen stärken können.
Vielleicht denkst du beim nächsten Sonnenaufgang an Aataentsic, deren Licht von oben kam. Oder du erinnerst dich beim nächsten inneren Konflikt an die Zwillingsbrüder, die uns zeigen: In jedem von uns gibt es Licht und Dunkel – und das Leben besteht darin, beide Seiten zu ehren und ins Gleichgewicht zu bringen.
Dieser Mythos lädt uns ein, bewusster, respektvoller und verbundener zu leben – mit uns selbst, mit anderen und mit der großen Schildkröte, auf der wir alle gemeinsam reisen.
